Wenn‘s heiß hergeht
Seit Tagen klettert das Thermometer auf über 37 Grad und verwandelt Wien in eine Geisterstadt. Ab 9 Uhr morgens werden Fenster und Balkontüren geschlossen, Markisen ausgefahren und Räume verdunkelt. Erst in den Abendstunden trauen sich die Menschen wieder zögerlich auf die Straßen.
Oder zu den Mistkübeln. So wie ich.
Wir haben gerade unsere neuen Rollos montiert, und nun müssen die alten entsorgt werden. Natürlich sind unsere Mistkübel – wie immer – viel zu klein dafür.
Während ich meinem Ärger Luft mache („Ich hasse diese kleinen Mistkübel!“) und mir ein Stanley-Messer aus der Wohnung hole, um die Rollos irgendwie zu zerkleinern, erscheint mein Nachbar.
„Na, na – wenn du dich so aufregst, bekommst du ja noch einen Herzinfarkt“, begrüßt er mich gut gelaunt.
Danke auch. Genau das brauche ich jetzt 🙄. Ich reiße wütend den Stoff von der Halterung.
„Was machst du denn? Die passen doch eh hinein!“, meint er.
„Leider nicht“, antworte ich genervt.
Nachdem er festgestellt hat, was ich ohnehin schon weiß, nimmt er eine der Rollos, bricht sie in der Mitte durch und wirft sie in den Mistkübel. Mit der zweiten macht er dasselbe. Problem gelöst.
„Da, wo die einen Probleme sehen, sehen andere Lösungen“, grinst er.
Doch statt Dankbarkeit spüre ich, wie meine Wut noch größer wird.
Die Rollos waren schnell im Mistkübel. Mein Ärger ist es nicht.
Ich reagiere ziemlich unfreundlich und verschwinde rasch wieder in meine Wohnung.
Wenn Hilfe nicht gut ankommt
Was ist da gerade passiert? Was hat mich derart hochkochen lassen?
Wahrscheinlich hat mich die Hitze ganz schön mitgenommen. Wenn’s so heiß ist, schlaf ich schlecht. Ich bin dann müde und leicht reizbar. Und ab einem gewissen Zeitpunkt frustriert mich die Tatsache, dass ich nicht mal mehr die Wohnung kühl halten kann.
Zum anderen fällt mir im Nachhinein auf: Mein Nachbar war gut gelaunt. Ich erschöpft und frustriert. Zwei völlig unterschiedliche Stimmungen sind da aufeinander getroffen.
Dadurch war es schwierig, eine gelungene Verbindung zwischen uns herzustellen. Ich denke, es hätte geholfen, wenn er meine Stimmung zuerst wahrgenommen hätte, bevor er versucht hat, das Problem aus der Welt zu schaffen.
Ich stell mir das so vor:
Er hält kurz inne, checkt die Lage und merkt: „Ui, meiner Nachbarin geht’s offenbar grad gar nicht so gut. Wirkt frustriert. Fühlt sich für sie sicher nicht so leiwand an.“
Er schaltet einen Gang runter: „Hey, ja unsere Mistkübel könnten wirklich größer sein! Ich verstehe, dass dich das nervt.“
Und DANN wäre ich offen und sehr dankbar für seine Hilfe gewesen.
Das haben wir in diesem Moment aber nicht so hingekriegt.
Was nun?
Bekomme ich letztendlich doch noch Empathie und Verständnis?
Ja! Von mir selbst.
Ich nehme einen Zettel und einen Stift und schreibe auf, was ich fühle.
Ich höre mir selbst zu.
Ich gestehe mir meine Erschöpfung und meinen Frust zu. Ich habe Verständnis für mich. Und langsam werde ich ruhiger.
Gefühle sind Wegweiser.
Sie zeigen uns, wo wir vielleicht überfordert sind, wo wir zu wenig auf uns geachtet haben. Aber auch, was uns guttut und glücklich macht.
Nehmen wir sie bewusst wahr. Schenken wir ihnen Aufmerksamkeit.
Denn wenn wir Gefühle ständig unterdrücken oder weglächeln, verpassen wir vielleicht genau die Weggabelung, die uns zeigt, was wir gerade wirklich brauchen.
Bis bald
Christina
PS: Möchtest du über Neuigkeiten informiert werden (z.B. neue Blogeinträge) dann melde dich hier zu meinem Newsletter an.